Dieses Frühjahr laden Wissenschaftler und Naturbeobachter Bürgerinnen und Bürger in ganz Europa dazu ein, an der größten Schlüsselblumen-Beobachtung „Findet die Schlüsselblume“ teilzunehmen. Die Idee dazu geht von einer sehr spannenden und beliebten wissenschaftlichen Kampagne aus, die in Estland initiiert wurde und in über 200 000 Pflanzenbeobachtungen und neuen Erkenntnissen für die Grundlagenforschung resultierte.

Die Idee ist simpel: Man geht raus in die Natur, sucht und findet einen bestimmten Frühblüher (die Echte Schlüsselblume, Primula veris), schaut in die Blüten, sucht nach bestimmten Merkmalen und sendet die Beobachtungen und optional ein paar Fotos über die Internetseite www.cowslip.science zu Wissenschaftlern. Wenn die Blütezeit der Echten Schlüsselblume vorbei ist, werden die Daten von den Wissenschaftlern ausgewertet und eine Rückmeldung über die Ergebnisse an alle TeilnehmerInnen gesendet.

„So unkompliziert bei einer wissenschaftlichen Studie, die dazu noch einen gewissen Spaßfaktor hat, mitzuwirken, ist nicht sehr alltäglich“, meint Dr. Tsipe Aavik, die Forschungsleiterin des Schlüsselblumenprojektes. Denn: Jeder kann mitmachen, da keine Vorkenntnisse benötigt sind und mit der erstellten Internetplattform die Teilnahme sehr einfach ist. Man sollte nur darauf achten, die Pflanzen und ihre Standorte nicht zu beschädigen, da die Echte Schlüsselblume in Deutschland unter Schutz steht. „In Estland, wo die Kampagne 2019 initiiert wurde, haben besonders viele Familien und Kinder mitgemacht. Gerade während der Covid19-Pandemie, in 2020, war es eine beliebte Aktivität, die so gut wie überall möglich ist – raus in die Natur gehen. Warum also nicht noch ein bisschen mehr Spannung hinzufügen, wie die Überraschung, was man in einer Blüte findet?”, meint Tsipe Aavik.

Die Daten, die während der Frühjahre 2019 und 2020 in Estland mithilfe der Kampagne gesammelt werden konnten, waren eindrucksvoll. Darüber hinaus brachte die Auswertung überraschende und sehr interessante Ergebnisse und zeigte, wie einfach und effektiv jeder zur Grundlagenforschung beitragen kann. Die Ergebnisse aus 2019 sind in einer erstklassigen wissenschaftlichen Zeitschrift, Journal of Ecology, veröffentlicht und für jedermann zugänglich.

Die Studie wird durch Ökologen der Universität Tartu und der Estnischen Naturschutzvereinigung „Estonian Fund for Nature“ koordiniert. Das Ziel ist, die Auswirkungen starker Landschaftsveränderungen, wie zum Beispiel der Verlust traditionell bewirtschafteter Grasländer, auf das Verhältnis von Schlüsselblumenpflanzen mit bestimmten Blütentypen zu analysieren. Genetisch bedingt hat etwa die Hälfte der Pflanzen der Echten Schlüsselblume Blüten mit einem kurzen weiblichen Blütenorgan (diese nennt man S-Typen), während die andere Hälfte Blüten mit einem langen weiblichen Blütenorgan hat (L-Typen). Die Art kann sich nur erfolgreich fortpflanzen, wenn Pollen zwischen S- und L-Typen ausgetauscht wird. Das dient besonders dazu, Inzucht innerhalb der Art zu vermeiden. Neue Studien zeigen, dass der Verlust von Grasländern das Gleichgewicht der verschiedenen Blütentypen erschüttern kann. Das führt dazu, dass es schwieriger für Pflanzen der Art wird, geeignete Fortpflanzungspartner zu finden, was Konsequenzen für das Überleben der Echten Schlüsselblume hat. Die Daten, die in ganz Estland erhoben wurden, zeigen zum einen, dass S-Typ-Pflanzen dominieren. Außerdem weisen besonders kleine Bestände der Schlüsselblume ein Ungleichgewicht in den Blütentypen auf. Überdies wurden Ungleichgewichte besonders in Beständen beobachtet, die näher an Ortschaften lagen.

Da diese Ergebnisse noch umfassender untersucht werden müssen, entstand die Idee einer europaweiten Kampagne. Diese europaweite Datenaufnahme basiert auf demselben Studiendesign wie in Estland. Eine speziell dafür angefertigte Internetplattform, www.cowslip.science, erlaubt eine einfache Dateneingabe. „Zudem wird die Aufgabe und die Signifikanz der Schlüsselblumenbeobachtung in einem detaillierten Leitfaden, in zahlreichen Videos, sozialen Medien und anderen Kommunikationsplattformen erläutert“, erklärt Tsipe Aavik, die Forschungsleiterin des Schlüsselblumenprojektes.

Ab diesem Jahr agiert die Kampagne mithilfe lokaler, länderspezifischer Partner. „Wir freuen uns sehr, dass viele Schulen, Universitäten, wissenschaftliche Gruppen, NGOs und andere Organisationen ihre Teilnahme angekündigt haben und dabei helfen Daten über die Schlüsselblume in einem noch nie dagewesenen Umfang zu sammeln“, so Tsipe Aavik. „Obwohl die ersten Erkenntnisse über die verschiedenen Blütentypen der Echten Schlüsselblume schon vor über 150 Jahren von dem berühmten Evolutionstheoretiker Charles Darwin gemacht wurden, ermöglicht die europaweite Studie neues Licht in dieses faszinierende Thema zu werfen.“

Interessierte Kooperationspartner sind weiterhin willkommen. Zum jetzigen Zeitpunkt wird die Kampagne definitiv in Estland, Deutschland, England, Österreich, Schweiz, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Schweden, Italien, Lettland, Litauen, Irland, Portugal, Polen, Russland, Dänemark, Finnland, Ungarn, Ukraine, Mazedonien, Belgien, den Niederlanden und Tschechien stattfinden.